Bau 2027: Ist der Rohstoff von morgen bereits verbaut?
Bau 2027: Ist der Rohstoff von morgen bereits verbaut?

München. Am 30. Juli 2026 war der Earth Overshoot Day. Ab diesem Tag verbraucht die Menschheit rechnerisch mehr natürliche Ressourcen, als die Erde innerhalb eines Jahres regenerieren kann. Diese Herausforderung betrifft nahezu alle Wirtschaftsbereiche, besonders aber das Bauwesen. Wie Materialien effizienter genutzt und Rohstoffe im Kreislauf geführt werden können, gehört somit zu den zentralen Zukunftsaufgaben der Branche. Lösungen und Innovationen dazu präsentiert die Bau 2027 vom 11. bis 15. Januar 2027 in München.
Lange Zeit lag der Fokus vor allem auf dem Neubau. Heute rückt jedoch zunehmend der Gebäudebestand in den Fokus. Denn oft ist die nachhaltigste Ressource bereits vorhanden. Allein in Deutschland lagern laut dem Wuppertal Institut rund 20,8 Milliarden Tonnen Baumaterialien in Wohn- und Nichtwohngebäuden. Damit verändert sich auch die Sicht auf Städte und Gebäude. Was bislang vor allem als Bestandsimmobilie betrachtet wurde, entwickelt sich zunehmend zu einer potenziellen Rohstoffquelle.
Das Wuppertal Institut spricht von einem Wandel „vom Ressourcenfresser zum Ressourcenlager“. Diese Neubewertung des Bestands verändert jedoch nicht nur den Umgang mit Ressourcen, sondern auch die planerische und gesellschaftliche Sicht auf das Bauen. Während die Diskussion lange Zeit von Neubau und Flächenentwicklung geprägt war, rücken heute Fragen des Erhalts, der Weiterentwicklung und der Umnutzung bestehender Gebäude stärker in den Mittelpunkt. Umbau ist der neue Neubau.
Kreislaufwirtschaft wird zum Wettbewerbsfaktor
In Deutschland fallen jährlich rund 220 Millionen Tonnen Bau- und Abbruchabfälle an (Wuppertal Institut/Butterfly Effect Consulting GmbH, 2025). Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Ressourceneffizienz, Versorgungssicherheit und Klimaschutz. Damit entwickelt sich die Kreislaufwirtschaft zunehmend von einer Entsorgungsfrage zu einem wirtschaftlichen Erfolgsfaktor. Auch auf europäischer Ebene wächst der Handlungsdruck. Laut Construction Products Europe werden derzeit lediglich rund 40 Prozent der Bau- und Abbruchabfälle in Europa recycelt oder wiederverwendet. Dabei steht die europäische Bauwirtschaft für Bauinvestitionen von rund 1,7 Billionen Euro, beschäftigt 18 Millionen Menschen und erwirtschaftet etwa elf Prozent des europäischen Bruttoinlandsprodukts (Construction Products Europe, Circular Construction Paper, 2025). Gleichzeitig bieten sich durch die Kreislaufwirtschaft Chancen für Innovationen, Wachstum, Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit. Um dieses Potenzial zu erschließen, richtet sich der Blick verstärkt auf die im Gebäudebestand vorhandenen Materialien, der Gebäudebestand selbst rückt als Rohstoffquelle in den Fokus. Urban Mining, die Wiederverwendung von Bauteilen und der Einsatz von Sekundärrohstoffen sollen dazu beitragen, bereits verbaute Materialien länger zu nutzen und den Bedarf an neuen Rohstoffen zu reduzieren.
Baustoffe im Wandel
Neben der Wiederverwendung bestehender Materialien rückt auch die Weiterentwicklung von Baustoffen in den Fokus. Beton und Zement werden auch künftig unverzichtbar bleiben. Gleichzeitig arbeiten Hersteller, Forschungseinrichtungen und die Industrie an neuen Lösungen, um Emissionen und Materialeinsatz zu reduzieren. Zu den wichtigsten Innovationsfeldern zählen klinkerreduzierte Zemente, alternative Bindemittel, Recyclingbeton, Carbon Beton sowie Verfahren zur CO₂-Abscheidung und -Speicherung. Parallel dazu gewinnen biobasierte Baustoffe wie Holz, Hanf, Flachs, Stroh oder Lehm an Bedeutung. Sie können CO₂ speichern, regionale Wertschöpfungsketten stärken und Transportwege reduzieren.
Kreislaufwirtschaft braucht Transparenz
Damit Materialien wiederverwendet werden können, müssen ihre Eigenschaften bekannt sein. Herkunft, Zusammensetzung, Umweltwirkungen und Rückbaupotenziale werden deshalb zu wichtigen Entscheidungsgrundlagen für Planung, Bau und Betrieb. Mit der neuen europäischen Bauproduktenverordnung gewinnt die digitale Dokumentation von Bauprodukten an Bedeutung. Digitale Produktpässe (Digital Product Passports, DPPs) sollen künftig Umweltinformationen, Konformitätsdaten und weitere produktspezifische Informationen über den gesamten Lebenszyklus hinweg verfügbar machen. Das Ziel besteht darin, Transparenz und Rückverfolgbarkeit entlang der Wertschöpfungskette zu verbessern. Künstliche Intelligenz, Sensorik und Robotik helfen dabei, Materialien im Gebäudebestand zu identifizieren, Bau- und Abbruchabfälle automatisiert zu sortieren und hochwertige Sekundärrohstoffe bereitzustellen. Dadurch ergeben sich neue Möglichkeiten, Materialkreisläufe wirtschaftlich und in größerem Maßstab zu organisieren.
Lösungen für den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen
Der verantwortungsvolle Umgang mit Materialien und Ressourcen wird die Entwicklung der Bauwirtschaft in den kommenden Jahren maßgeblich prägen. Gefragt sind Lösungen, die Ressourcenschonung, Wirtschaftlichkeit und technische Qualität miteinander verbinden. Auf der Bau 2027 präsentieren Hersteller, Planer, Forschungseinrichtungen und Start-ups Möglichkeiten, wie sich Kreislaufwirtschaft, Materialeffizienz und digitale Transparenz in die Baupraxis integrieren lassen. Vorgestellt werden neue Baustoffe, innovative Produkte, digitale Werkzeuge sowie Konzepte für den Erhalt und die Weiterentwicklung des Gebäudebestands. Die Bau 2027 in München zeigt vom 11. bis zum 25. Januar 2025, welche Technologien, Produkte und Konzepte das Bauen der Zukunft prägen werden.
